Bibliographie
Bibliographie: Einführung
Die folgenden Seiten bieten eine Bibliographie moderner lateinischer und altgriechischer unterhaltsamer Literatur und Dichtung. Erfasst werden nicht nur Druckwerke, die seit Mitte des 18. Jahrhunderts erschienen sind, sondern auch digitale Publikationen und Hörbücher. Moderne original lateinische Dichtung wird nicht aufgenommen, allerdings sind Übersetzungen vor allem deutscher Gedichte ein Schwerpunkt dieser Bibliographie. – Anregungen, Kritik und Literaturhinweise sind willkommen und sollten bitte an bernd.blatzdasch@pantoia.de gerichtet werden.
Charakter der erfassten Literatur
Allem Anschein nach ist die moderne altsprachliche unterhaltsame Literatur im Wesentlichen Übersetzungsliteratur. Bislang sind mir nur wenige in lateinischer Sprache verfasste selbstständige Publikationen dieses Genres, wie etwa die Erzählung »Saeculorum transvectio« (1976) von Genovefa (Geneviève) Métais, bekannt. Dagegen sind die unselbstständigen, kleinen Veröffentlichungen, vor allem in den Periodika der »Latinitas viva«, zahlreicher. Doch Genaues lässt sich erst sagen, wenn diese Periodika erfasst sind. – Eine moderne altgriechische Schriftstellerei scheint es nicht zu geben. Alles ist hier Übersetzung.
Es mag verwundern, aber die moderne altsprachliche unterhaltsame Literatur ist in der Hauptsache Kinder- und Jugendliteratur. Eine überstrahlende Rolle kommt dabei den lateinischen Übersetzungen von Joachim Heinrich Campes (1746-1818) »Robinson der Jüngere« (1779/80) zu.
Campe selbst hatte im Vorwort seiner »pädagogischen Robinsonade«, die zum ersten Weltklassiker des Kinder- und Jugendbuchs werden sollte, eine Übersetzung ins Lateinische angeregt.[1] Ganz im Sinne des Philanthropismus ging es ihm, im Gegensatz zum damaligen Schulbetrieb und – so dürfen wir sagen – im Gegensatz zum späteren humanistischen Gymnasium, um einen kindgemäßen Lateinunterricht.
Als erster übersetzte der Lehrer Philipp Julius Lieberkühn (1754-1788) Campes Robinson ins Lateinische. Lieberkühns »Robinson Secundus« wurde viermal aufgelegt (1785, 1789, 1794, 1802) und, wie sich zeigen ließe, auch im Unterricht gelesen. Nachdem Lieberkühns Übersetzung vergriffen war, machte sich der Theologe Johann Friedrich Gottfried Nagel (1792-1847) an eine Neuübersetzung. Im Jahre 1823 veröffentlichte er den ersten, fünf Jahre später den zweiten Band seines »Robinsonius Minor«. Nagel wollte nicht nur eine reinere lateinische Übersetzung von Campes »Robinson« bieten, sondern den Schülern bei der Lektüre so weit wie möglich entgegenkommen. Der Übersetzung sind darum reiche Wortangaben und umfassende grammatische Erklärungen beigegeben. Die größte Verbreitung aber fand die lateinische Bearbeitung des Franzosen François-Joseph Goffaux (1755-1836). Goffaux' »Robinson Crusoëus« erschien erstmals im Jahre 1809 und wurde in Frankreich, England und den USA bis ins 20. Jahrhundert aufgelegt und überarbeitet.
Die lateinischen Übersetzungen von Campes »Robinson der Jüngere« stehen am Anfang einer langen Reihe von Übertragungen von Kinder- und Jugendbuchklassikern ins Lateinische. So fanden beispielsweise Hoffmanns »Struwwelpeter«, Stevensons »Schatzinsel«, Carrolls »Alice im Wunderland«, Whites »Charlotte's Web«, Karl Mays »Winnetou« und Rowlings »Harry Potter« ihre Übersetzer.
Großer Beliebtheit bei den Übersetzern erfreuen sich Bildgeschichten jeder Art: Bilderbücher, wie der »Struwwelpeter«, Bildergeschichten, wie Wilhelm Buschs »Max und Moritz« oder »Plisch und Plum«, und vor allem Comics. Wer kennt nicht die lateinischen Asterix-Übersetzungen von Rubricastellanus? Aber auch »Tim und Struppi«, »Alix« und einige Disney-Comics sind übersetzt worden.
In der modernen unterhaltsamen Literatur in altsprachlichem Gewande lässt sich eine zweite Strömung ausmachen: Übertragungen ernster und anspruchsvoller Prosa. An erster Stelle ist hier der Übersetzer Nikolaus Groß und seine lateinische Übertragung des Bestsellers »Das Parfum« (»Fragrantia«, 2004) zu nennen. Das in einem eigenen Band dazu erschienene Glossar zeugt vom akribischen Fleiß und Kenntnisreichtum des Übersetzers. Groß übersetzte außerdem »Die Leiden des jungen Werther« von Goethe, »Die Schwarze Spinne« von Jeremias Gotthelf, Dürrenmatts »Romulus der Große«, Hauptmanns »Bahnwärter Thiel« u.a.m. – Erwähnung muss an dieser Stelle auch die Übersetzerin und Herausgeberin der »Vox Latina« Sigrid Albert finden, deren lateinische Übertragung von Hermann Hesses »Unterm Rad« (»Sub rota«, 1994) dem Verfasser dieser Zeilen etwas Besonderes bedeutet.
Obgleich das Versemachen in der Schule schon lange aufgegeben worden ist und auch im akademischen Unterricht keine Rolle mehr spielt, hat sich bis in die Gegenwart eine reiche lateinische Gedichteliteratur gehalten, die auch neue Formen, wie etwa das japanische Haiku,[2] aufnimmt. Gedichte sind das eigentliche Feld moderner lateinischer Schriftstellerei. Das unterstreicht den Gelegenheitscharakter der neuen lateinischen Literatur.
Neben dem großen Strom zeitgenössischer original lateinischer Lyrik, den zu beobachten nicht im Interesse von PANTOIA liegt,[3] findet sich eine heute fast vergessene, bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts andauernde Richtung, der es um die Übertragung anspruchsvoller Poesie ins Lateinische und Altgriechische ging. Die lateinische Übersetzung des finnischen Nationalepos »Kalevala« von Tuomo Pekkanen aus dem Jahre 1986 ist für die spätere Zeit also die Ausnahme.
In Deutschland richtete sich im 19. Jahrhunderts das Interesse der Übersetzer vor allem auf die Dichtung der Weimarer Klassik. Goethes »Hermann und Dorothea« wurde von dem Lehrer Benjamin Gottlob Fischer (1769-1846), danach von dem Grafen Joseph von Berlichingen (1759-1832) ins Lateinische gebracht. Im Jahre 1888 erschien unter den Titel »Γοιθιου ειδυλλιον Αρμινιος και Δωροθεα« sogar eine vollständige Übertragung in die Sprache Homers! Die »Römischen Elegien« wurden wenigstens dreimal ins Lateinische übersetzt. Goethes »Iphigenie« auf Altgriechisch kommt 1861 heraus. Der Pfarrer Gustav Feuerlein (1781-1848) übersetzt »Schiller's sämmtliche Gedichte« (1831) ins Lateinische. Überhaupt erfreuten sich die Gedichte Schillers bei den Übersetzern großer Beliebtheit. Es erscheinen Anthologien, wie etwa die »Selecta Frederici Schiller carmina« (1845) des Prager Lehrers W. A. Swoboda (1791-1849). Solange die Weimarer Klassik in Ansehen stand, gab es immer wieder Versuche, sie in das Gewand der alten Sprachen zu kleiden. Das letzte größere Werk dieser Art erschien wohl im Jahre 1937: Otto Schmieds (1887- ?) »In veste Latina«. Dort finden sich 22 klassische deutsche Balladen in lateinischer Übertragung.
Zwei Übersetzer von Lyrik des 18. und 19. Jahrhunderts, deren Arbeiten in der Form umfangreicher Anthologien erschienen sind, müssen noch eigens genannt werden: der Latinist Johann Dominicus Fuss (1782-1860), dessen lateinische Übersetzung von Schillers »Das Lied von der Glocke« aus dem Jahre 1824 noch 1948 aufgelegt worden ist, und der Lehrer Heinrich Stadelmann (1830-1875), dessen kongeniale Gedichtübersetzungen ins Lateinische wohl ihresgleichen suchen.
Die Erfassung und Präsentation von Übersetzungen klassischer deutscher Gedichte ins Lateinische und Altgriechische ist ein besonderes Anliegen von PANTOIA. Ein datenbankgestütztes Gedichteverzeichnis mit umfassenden, werkübergreifenden Suchfunktionen findet sich unter »Gedichtsuche«.
[1] „Solte sich ein, der lateinischen Sprache hinlänglich, mächtiger, Man finden, der Lust und Muße hätte, eine gute lateinische Uebersezung davon zu machen: so würde dadurch eine sehr erhebliche Lükke in unserer dermaligen, noch so überaus mangelhaften Schulbibliothek ausgefült werden. Denn wo ist das Buch, welches man [...] den ersten Lehrlingen der lateinischen Sprache, ohne alle Bedenklichkeit in die Hände geben könte? Das Buch, meine ich, welches lauter, für solche Kinder verständliche, für solche gehörige, für solche auch zugleich angenehme Sachen in einem leichten lateinischen Gewande enthielte? Ich ha' es sorgfältig gesucht; aber fand es nirgends.” (J. H. Campe: Robinson der Jüngere, zur angenehmen und nützlichen Unterhaltung für Kinder, nach dem Erstdruck hrsg. v. A. Binder u. H. Richartz, bibliogr. erg. Ausg. Stuttgart 2000, S. 14 f.)
[2] Siehe etwa: Genovefa Immè [= Geneviève Métais]: Haïcua cottidiana, Mazet-Saint-Voy 1998; oder: 92 Latin & English Haiku, edited by Dirk Sacré and Marcel Smets, Wauconda (Illinois) 1999.
[3] Einen bibliographischen Überblick über die lateinische Dichtung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bieten die beiden Aufsätze von Joseph Ijsewijn »Conspectus poetarum Latinorum saeculi vicesimi, in: Euphrosyne 3 (1961), S. 149-190« und »Conspectus poetarum Latinorum saeculi vicesimi – Auctarium, in: Palaestra Latina 34 (1964), S. 384-389«. Dazu sind zwei Supplementa von Dirk Sacré erschienen: Conspectus poetarum Latinorum 1900-1961: Supplementum, in: Humanistica Lovaniensia 39 (1990), S. 328-339; Conspectus poetarum Latinorum 1900-1961: Supplementum alterum, in: Humanistica Lovaniensia 51 (2002), S. 301-310. Siehe auch: I. Ijsewijn-Jacobs: Latijnse Poezie van de twintigste Eeuw, Lier 1961; V. R. Giustiniani: Die neulateinische Dichtung in Italien 1850-1950. Ein unerforschtes Kapitel italienischer Literatur- und Geistesgeschichte, Tübingen 1979.
Letzte Bearbeitung: 24.8.2008 – Copyright © Bernd Platzdasch